Die goldene Schildkroete


Jedes Jahr zur gleichen Zeit versammeln sich auf einer kleinen Insel zwischen den Kontinenten die Tiere und Zauberwesen eines jeden Landes um eine grosse Konferenz abzuhalten und zu beratschlagen, was gerade ansteht. "Ich...", sagte die Schlange, die fuer einen kleinen Staat in Afrika stand, an einem etwas trueben Morgen, "habe etwas vorzubringen.", und sie sah sich selbstgefaellig in der Menge um. "Nun?", das Krokodil Aegyptens gaehnte und machte sich darauf gefasst ein oder zwei nuetzlich klingende Kommentare abzugeben um dann den Rest der Sitzung zu verschlafen. "Das Problem, das wir an diesem Tage besprechen sollten", fuhr die Schlange unbeirrt zischelnd fort, "ist, dass wir einander nicht verstehen. Nur die Gebildetsten unseres Volkes sind in der Lage mehr als zwei Sprachen zu sprechen, und nie sind es dieselben."

Die Tiere, die diese Frage schon viele Male geschickt umgangen hatten, denn es war unbequem ueber Fragen nachzudenken, zu denen man keine Antwort wusste, und nun mit aller Macht darauf gestossen wurden, begannen nervoes mit den Fuessen zu scharren und zu tuscheln.

"Und?", fragte der Irische Kobold nervoes und drehte seinen Goldtopf um, um sich zu setzen (aufgrund der katastrophalen Weltwirtschaft war nichts darin ausser einem Knopf), "Wir sind bis jetzt immer gut zurechtgekommen, oder?", "Das ist nicht wahr.", stellte ein Schaf aus den schottischen Hochlaendern fest, das Nessie vertrat, die sich eine Erkaeltung geholt hatte. "Wir sind ausserstande, wichtige Nachrichten weiterzugeben. Die Koalas in einem Teil des Regenwaldes wissen nicht, dass der andere brennt. Die Fische sterben an Wasserverschmutzung aus anderen Laendern, weil niemand ihnen sagt, dass eine ™lpest kommt.

Und wir, die wir diese Konferenz abhalten, muessen jedes Jahr losen, wie wir auf unserer Beratschlagung sprechen wollen. Nennst du das zurechtkommen?", es bloekte zur Verstaerkung seiner Worte, legte sich hin und kaeute wieder.

Eine Zeitlang herrschte Stille, waehrend sich in dem einen oder anderen Kopf besonders fauler Tiere Mordgedanken gegen das unerfahrene Schaf entwickelten. Dann trat ploetzlich entschlossen der Loewe aus Arabien vor. "Meine Sprache sollten wir nehmen!", er hob die Pfote und betrachtete demonstrativ seine Krallen:

"Weil ich der staerkste, schnellste und gefaehrlichste von uns bin. Und es ist ein Naturgesetz, dass der Staerkere siegt. Dann ist das Problem geloest. Jeder lernt sie und alle verstehen einander", "Oh nein," erwiderte eine Echse, von der niemand so genau wusste, woher sie kam, "meine Sprache wird gesprochen werden. Ich bin das Lebewesen mit dem laengsten Stammbaum. Ich stamme noch von den Dinosauriern ab, und sollte bei soviel Tradition wissen, was gut ist."

In der Menge hob beifaelliges Gemurmel an, und die Echse warf dem Loewen einen veraechtlichen Blick zu. "Warum nicht meine?", schrie eine hohe Stimme, um den Laerm zu uebertoenen, und als ein Nashorn zur Seite trat, kam ein Kaninchen zum Vorschein. "Ich bin sehr fruchtbar. Die Sprache meines Landes wird es ebenso sein.". Eine Hyaene lachte, und bekam von einem Zebra einen Huf ans Maul geschlagen. "Ich bin auch sehr fruchtbar. Nehmen wir doch meine Sprache.", sagte eine Maus sehr vorsichtig. "Und ich! ", schrie ein Wombat gleichzeitig mit einer Antilope. "Und ich...", knurrte ein Leopard.

Bald stellte sich heraus, dass jedes Tier, und jedes Land die Sprache stellen wollte, die alle lernen sollten, und dass niemand bereit war, auch nur einen Schritt von seinem Standpunkt zu Gunsten des Nachbarn abzuweichen.

Eine kleine Schildkroete nun, die gar kein Land vertrat, sondern nur auf einer Insel ihre Wohnung hatte, hoerte das Geschrei und begann langsam, wie das mit Schildkroeten eben so ist, auf die Versammlung zu zu kriechen. Dort angekommen, suchte sie sich den hoechsten Felsen, der in der Umgebung stand, und erkletterte ihn. "RUHE!". Ein ungeheures Gebruell liess die Tiere erzittern, und sie alle starrten, wie von einer Schnur dorthin gezogen, ploetzlich auf einen kleinen Fleck auf einem grossen Stein. Die Schildkroete laechelte zufrieden und beglueckwuenschte sich zu ihrer Lautstaerke. "Ich denke,", sagte sie mit erhobener Stimme, "ich habe eine Loesung fuer euer Problem.". Wieder lachte die Hyaene, hielt sich aber gerade noch rechtzeitig selbst eine Pfote ueber ihr schmerzendes Maul, so dass es ihr nicht wieder verhauen werden konnte.

"Warum nicht eine neue Sprache erschaffen?", fuhr die Schildkroete auf ihrem Felsen fort. "Warum nicht eine erschaffen, die leicht zu lernen und leicht auszusprechen ist, fuer alle Lebewesen dieser Welt? Eine Sprache, mit der kein Land im Nachteil steht und keins bevorzugt wird?". Sie betrachtete die Tiere unter sich, die sie fassungslos anstarrten, und hoffte, dass man ihren Vorschlag akzeptieren wuerde. "Und wie....", begann der Loewe langsam und grollend, "sollen wir diese Sprache schaffen?". Die Schildkroete machte eine triumphierende Bewegung mit der Pfote, denn auf ihrem langsamen Weg zur Versammlung hatte sie gruendlich darueber nachdenken koennen.

"Ich erklaere es euch.", begann sie, und sie redete noch viele Stunden weiter, und je mehr sie redete und die Sprache erklaerte, desto mehr Tiere waren von ihrer Idee eingenommen. "Grossartig!", bemerkte das Krokodil. "Wundervoll!", sagte der Loewe. "Wir sollten sie belohnen.", entschied der Irische Kobold. "Natuerlich!", stimmten ihm die Tiere zu. "Aber wie?".

"Ich uebernehme das!", liess sich eine energische Stimme aus der Menge hoeren, und die Hollywood-Fee der USA schwirrte nach oben, zu dem Stein, auf dem die Schildkroete hockte. Sie hob ihren Zauberstab, sprach einige magische Worte, und ein Goldregen ergoss sich ueber den Koerper der kleinen Spracherfinderin, bis sie von Kopf bis Fuss ganz in Gold eingewickelt war.

"Nun erkennen wir dich immer als unsere groesste Hilfe und du kannst an jeder Versammlung teilhaben.", erklaerte sie, und die Menge unter ihr klatschte Beifall. "Bitte bitte", die Fee verbeugte sich und flog zurueck auf ihren urspruenglichen Platz. Die Schildkroete aber, oben auf ihrem Stein, laechelte ihr breitestes Grinsen und fand, dass sie alles in allem sehr zufrieden mit sich sein konnte.

 

Eine wahre Geschichte, erzaehlt von Katharina von Radziewsky im Juni 2003

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